Das Gefühl der Sicherheit

Störungen und deren Behandlung aus der Perspektive der Körpertherapie

Vortrag vor Psychotherapeuten
Potsdam, Mai 2002

Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

 

Über körperorientierte Psychotherapie zu sprechen, bedingt zuerst eine Standortbestimmung. Unter diesem Begriff summiert man heute eine Vielzahl von Methoden, welche den Körper diagnostisch und therapeutisch in den Mittelpunkt der psychotherapeutischen Vorgehensweise stellen. Ich spreche hier über die von George Downing entwickelte Methode mit einem analytischen Hintergrund, vorwiegend basierend auf der Objekt-Beziehungs-Theorie.

George Downing arbeitet viel mit Säuglingen, Kleinkindern und ihren Eltern und hat sehr differenziert mit Video-Mikro-Analyse untersucht, wie Affekt-Motor-Schemata im Körper entstehen, bzw. in ihrer Entstehung gestört werden.
Dabei konnte er nachweisen, dass das Sicherheitserleben von Neugeborenen und Kleinkindern sich in gegenseitiger Beeinflussung zu den frühen Bezugspersonen entwickelt. Über Augenkontakt und das Äußern von Emotionen unter Einsatz des gesamten Körpers, stimuliert das Kind in den Eltern ein Gefühl von Glück, welches den Wunsch nach Zuwendung und Versorgen intendiert, das Kind antwortet mit Steigerung seines Verhaltens durch die erlangte Zuwendung.
Downing spricht davon, dass zwischen der Mutter und dem Kind „ein Tanz” an Augenkontakt und Körperkontakt aufgeführt wird, wo beide einen bestimmten Rhythmus und eine Harmonie erlangen, die für ihre Beziehung spezifisch sein kann.

Um sich sicher und geborgen fühlen zu können, ohne Misstrauen auf elterliche Zuverlässigkeit, benötigt das Kind, dass die Eltern den Fokus ihrer Aufmerksamkeit auf seine Bedürfnisse richten. Viele Eltern, welche selber von Eltern erzogen wurden, welche sich entfremdet waren und unter Spannung litten, Trennung, Stress oder gar Traumen erlebt hatten, haben diese Sicherheit selbst nie erfahren und können sie damit auch nicht weitergeben.

Entsprechend der von den Objektbeziehungstheoretikern beschriebenen Phasen beschreibt Downing, dass zu bestimmten Zeiten affektive und motorische Körperäußerungen sich entwickeln, die er Affekt-Motor-Schemata nennt. Wir entwickeln solche, der zwischenmenschlichen Verbindung dienenden, Verbindungsschemata, benötigen aber auch solche der Abgrenzung und des Schutzes, genannt Differenzierungsschemata und solche, welche den Raum um uns und den Zeitablauf strukturieren, unseren inneren Rhythmus bilden. Werden wir bei der Herausbildung dieser Schemata durch unsere frühen Bezugspersonen nicht unterstützt, sei es weil symbiotisches Bemuttern wie eine dicke Schicht über uns gestülpt wird oder sei es aus Vernachlässigung oder indem Erwachsene uns ihr Rhythmusgefühl aufzwingen, so werden wir zu sozial funktionierenden Menschen, aber entfremdet unserem Körper, unseren Gefühlen und unserem eigenen Rhythmus.
Die dadurch aufkommende Unsicherheit, Hilflosigkeit, Ohnmacht, manchmal auch Wut, werden schon sehr früh durch süchtiges Verhalten kompensiert oder aggressiv agiert.

Vor mehr als 20 Jahren beschrieb der Antropologe James Prescott, dass in Gesellschaften, welche Babys und Kindern ausgiebig physische Nähe bieten und stimulierende Rhythmen eine Rolle spielen, Gewalttätigkeit relativ selten ist.

Fehlen Körperkontakt und emotionale Ansprache, wird die Entwicklung gebremst, ja verhindert, wie uns die Befunde von Spitz aus dem Wiener Waisenheim und immer wieder neue alarmierende Bilder aus Waisen- und Kinderheimen aller Welt zeigen. Ganz zu schweigen von den Folgen kindlicher Misshandlung und Folter, Kindersoldaten oder religiös motivierte Gewalttäter, welche keine emotionale Beziehung zu sich und damit zu ihrem Körper und ihrem Leben entwickeln konnten. Sie achten nicht Gefühle und Leben anderer.
Solche schwersten Störungen sind, wenn überhaupt, nur Traumatherapie zugänglich, wofür die Körperpsychotherapie wichtige Ansätze entwickelt hat, auf die ich aber hier nicht eingehen kann. Wen es interessiert, dem empfehle ich: Peter A. Levine.

Körperpsychotherapie bezieht sich auf ein Repertoire an Techniken, welche sowohl aus verbalen, als aus körperorientierten Interventionen bestehen.
Der Therapeut leitet den Klienten an zu einer Art Körpererforschung, der dabei sitzen, auf einer Matratze liegen oder auch stehen kann.

„Versuchen sie herauszufinden, wo sie diese Traurigkeit im Körper spüren.”

„Wäre es für sie in Ordnung, diese Spannung in der Hand etwas zu übertreiben und zu spüren, was sie im Moment ausdrücken könnte.”

„Sie sagen, es hat etwas mit Scham zu tun ... Können sie versuchen, eine Haltung einzunehmen, in der sie ihre Scham noch deutlicher spüren.”

„Was fällt ihnen dazu ein, wann hatten sie dieses Körpererleben schon einmal?”

Es gibt einige körpertherapeutische Schulen in der Nachfolge von Reich, für die es besonders wichtig ist, dass der Patient muskuläre Blockaden löst, begleitet von einem heftigen Gefühlsausbruch. Der ständige Ausdruck kathartischer Gefühle kann den Patienten überfordern, macht ihn zwar häufig emotional lebendiger, was besonders für alexithyme Patienten wichtig wäre, frühgestörte Patienten jedoch dekompensieren lässt. Um emotionale -und Persönlichkeitsnachreifung zu erreichen, ist es wichtig, dass der Patient lernt, seine intensiven Gefühle nicht nur auszudrücken in Worten, anstelle zu agieren, sondern sich auch, wie bei anderen analytischen Psychotherapien, mit seinen neurotischen Abwehrmustern auseinander zu setzen.
Ein großer Vorteil der Körperarbeit ist, dass Gefühle nicht nur angespürt, sondern in ihrer ganzen Tiefe ausgedrückt werden. „Eingefrorenen” Emotionen, unbewusst als somatische Symptome seit Jahren festgehalten, kann sich schrittweise wieder angenähert werden, um sie dann teilweise durchleben und überwinden zu können.

Neurobiologische Untersuchungen über die Rolle des limbischen Systems, der Amygdala, rechten und linken Hemisphäre bei der Speicherung und Verarbeitung überwältigender traumatisierender Emotionen lassen Hypothesen zu, welche Erfahrungen von Körpertherapeuten bestätigen: Muskelspannungen, Bewegungsintentionen, die charakteristische Körperhaltung eines Menschen, Schmerzzustände können somatische Korrelate psychischer Abwehr sein. Durch Körperarbeit können sie langsam und vorsichtig nachhaltig verändert werden. Dabei geht es aber keinesfalls um Kartharsis und Ausagieren, sondern es ist gerade wichtig, dass auch gelernt werden kann, Gefühle nicht nur auszuleben, sondern motorisch auch zu beherrschen, also nicht nur, dass wir aufs höchste alarmiert, die muskulären Agonisten und Antagonisten gleichzeitig bis zum Zittern anspannen, sondern durch Atmen oder Bewegungen ausdrücken. Auf diese Weise können wir einen Zuwachs an Ich-Kontrolle erleben.

Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass Körperarbeit immer mit intensiven Berührungen verbunden sei. Wir berühren mit den Augen, mit unseren Worten, mit dem Stimmklang, manchmal auch, indem wir die Hand auf die Brust legen, Atmen unterstützen. Wenn wir den Nacken stützen, die Hand auf den Rücken legen, erfolgt eine Wiederbelebung von Erfahrung des Umsorgtseins des Kleinkindes, und dadurch eine intensive Veränderung der Übertragung und Gegenübertragungsprozesse.
Patienten, die oft Schläge oder Missbrauch erlebt haben, werden z. B. überhaupt nicht berührt, obwohl sie eine Sehnsucht danach äußern können. Die Gefahr der Retraumatisierung und die extrem komplizierte Übertragung lassen davor warnen.

Auf Körperarbeit wird meist erst nach einigen Sitzungen übergegangen, indem wir danach fragen, wo vom Patienten geäußerte Gefühle im Körper gespürt werden. Sehr genau fragen wir, wie es sich anfühlt, ob dieses Gefühl eher wie ein Stein ...? Glatt oder kantig? ... Heiß oder kalt? ... Hart oder breiig? ... - wie sich das Gefühl verändert hat, nachdem er Emotionen, z. B. Wut oder Tränen zugelassen hat.
Wir leiten den Patienten an, vertieft zu atmen. Es wird schnell deutlich, was für ein sensibler Seismograph unser Atem ist. Er reagiert bereits bei vorbewussten Emotionen, stockt, wird gepresst, oberflächlich, heftig. Der Klient kommt durch vertiefte Atmung in einen Körperprozess, der in Phasen abläuft und vom Therapeuten stimuliert, begleitet, interpretiert, vertieft oder manchmal auch beendet wird, wenn Gefühle den Klienten zu überrollen drohen.

Nachdem in der ersten Phase physiologische Reaktionen auftreten, wie leichtes Zittern, Harndrang, kalte Akren, ist die zweite, die Phase des vertieften Zitterns, eine Art sanftes Beben der Muskeln, meist am Kinn oder an den Augenlidern, wie jeder es kennt, bevor er zu weinen beginnt. Es entsteht von selbst und scheint den Körper zu öffnen.
Levine hat darauf hingewiesen, dass Tiere, nach dem Totstellreflex eine Phase der Vibration und des Zitterns durchlaufen müssen. Er äußert die Hypothese, dass dies notwendig sei, um die eingefrorene Energie und zwar die, die im Totstellreflex sich gestaut hat, abzuleiten. Das Zittern fungiert als Überleitung zur dritten Phase: zum intensiveren Kontakt mit inneren emotionalen Realitäten. Hier können sämtliche Emotionen hochkommen, Ärger, Traurigkeit, Freude, Angst, Dankbarkeit, Eifersucht, Gereiztheit, Ekel, Scham, in bezug auf oder inhaltlich angebunden an bedeutsame Kindheitserlebnisse, aber auch in Anknüpfung an aktuelle heftige Konflikte.

Dies ist die Phase des Körperprozesses, in der das Unbewusste spricht - es spricht durch den Körper. Ein nahezu unweigerlich bedeutsames unbewusstes Thema bahnt sich seinen Weg nach vorn. Es trifft an der Oberfläche das Bewusstsein des Patienten ein, aber in einer einzigartigen Form: als dichtgepackter Kern von Affekten, Gedanken, Bildern, Bewegungsimpulsen. Der Therapeut muss sich dann fragen, wie intensiv soll er den Klienten unterstützen, auszupacken, zu entschlüsseln. Jetzt wird es wichtig, in einem ständigen Wechsel zwischen Körperarbeit und Kognition zu arbeiten und unbedingt beim psychodynamischen Hintergrund zu bleiben, ihn in Worte zu fassen und damit auch zu bearbeiten.
Der Patient benötigt gerade in dieser Phase Sicherheit, dass der Therapeut sehr geduldig ist und ihn nicht in Emotionen hineintreibt, die ihn eventuell überrollen und retraumatisieren könnten. Dann wäre eine vierte Phase möglich.
In dieser vierten Phase kommt es zu umfassenderen Bewegungen, nach Meinung von Downing, sollen Affekt-Motorschemata, die gebremst wurden in ihrer Entwicklung, auf diese Weise sich vollenden und nachreifen.

Ich möchte an einem Beispiel einen kurzen Einblick in einen solchen Prozess geben: Eine junge depressiv erkrankte Frau, motorisch sehr gebunden, Tränen unterdrückend, berichtet von dem Trennungsschmerz als Dreijährige, wenn ihre Eltern sie bei der Tante ließen, welche sie betreute, ohne sich zu verabschieden - sie fühlte sich wertlos zurückgelassen und irgendwie daran schuldig. Sie arbeitete seit einigen Stunden im Liegen, erstmals begannen sanfte, tröstende Schaukelbewegungen der Beine, der Oberkörper blieb starr, Arme an den Leib gepresst. Sie träumte darauf, wie ein Kleinkind in seinem Bettchen saß, den Kopf abgewandt. Als sie dies erzählte, lief eine Träne, tröstende Schaukelbewegungen setzten ein... ich fragte, ob sie Impulse im Oberkörper spüre, eine tröstende Bewegung? Könnte Berührung hilfreich sein? Sie würde gerne die Arme ausstrecken nach dem Kind im Traum, spüre aber eine bleierne Schwere in den Oberarmen, die hindere... Erinnerungen stiegen auf, dass die Tante sie an den Oberarmen gepresst habe und verlangt hatte, sie solle sich beruhigen, vernünftig sein, die Eltern kämen wieder... Stunden später versuchte sie, ein imaginiertes inneres Kind zu halten, ... heftiger zu schluchzen, irgendwann lag der Oberkörper nicht mehr so starr.

Weil Übertragungsprozesse aus der frühen Eltern-Kind-Beziehung stimuliert werden, ist es besonders wichtig, auf einen sicheren und gleichbleibenden therapeutischen Rahmen zu achten und Körperarbeit nur sehr vorsichtig einzusetzen. Es geht keinesfalls um die Befriedigung von Wünschen der Patienten nach Berührung, sondern eher um Hilfe, dass sie selber die körperlichen, bildlichen und emotionalen Erfahrungen besser wahrnehmen, verstehen, mit unserer Hilfe deuten und in Zusammenhang zu ihrer Geschichte bringen. Besonders Ich - schwache Patienten arbeiten meist nur einige Minuten in einer Sitzung mit dem Körper.

Reich und Ferenzci haben bittere Erfahrungen machen müssen, wie stark Patienten regredieren und von den Therapeuten erwarten, ihnen die gute Mutter oder der gute Vater zu sein. Heutzutage wissen wir, dass wir, um helfen zu können, darauf bestehen müssen, dass die Klienten symbolische Bilder von dem entwickeln, was sie in der Vergangenheit gebraucht hätten. Sie sollen sich selbst die guten Eltern für ihre inneren Kinder werden, wenn sie Handlungen liebevoller Eltern imaginieren, ist es ein Versuch, sie quasi nachträglich zu internalisieren. So können sie langsam ein Gefühl von Sicherheit in sich selbst entwickeln, wenn sie ihre Emotionen und Körperreaktionen als Signalgeber für sich verstehen lernen. Dadurch lässt sich besser differenzieren, in welchen zwischenmenschlichen Situationen sie sich öffnen, verteidigen, abgrenzen, kämpfen sollten.
Wenn sie Zugang zum lebensgeschichtlichen Hintergrund ihrer Körperreaktionen bekommen, manchmal auch zu dem ihnen unbewussten Auftrag, den sie in einer Familie zu erfüllen haben, erlangen sie Entscheidungshilfen, ob sie diesen Auftrag annehmen, ablehnen, ändern wollen.

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Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie