Ich finde nicht mein Maß
Magersüchtig, esssüchtig, essbrechsüchtig?
Seelische, körperliche und soziale Ursachen
Behandlungsmöglichkeiten
Emotionaler Hunger macht krank - ungestillte Bedürfnisse nach Anerkennung
und Zärtlichkeit und Zuwendung von Menschen, die uns wichtig sind, machen
hungrig. Im täglichen Leben sprechen wir in diesem Zusammenhang weniger
von Hunger als von Sehn-sucht. Das Wort Sehnsucht jedoch enthält
das Wort „Sucht”.
Daß man süchtig werden kann, wenn die Sehnsucht überhand nimmt,
wissen wir aus Liedern und Geschichten von Prinzen und Prinzessinnen, die
unglücklich liebten.
Wir beachten aber viel zu wenig unsere Erfahrung, daß ungestillte
Sehnsucht uns nach Ersatz greifen läßt ... seien es Alkohol oder
Drogen, bzw. Medikamente, sei es der Drang, sich mit Arbeit zu betäuben
oder zum Spielautomaten zu gehen oder auch der Drang, sich etwas Gutes zu tun
und zu essen.
Kann Essen zur Droge werden?
Ist Magersucht das Gegenteil von Esssucht?
Ich versuche in diesem Buch aus meinen Erfahrungen im Umgang mit
esssüchtigen und magersüchtigen Menschen Hintergründe und
therapeutische Möglichkeiten für süchtige Essstörungen zu
benennen. Ich möchte Betroffene und ihre Angehörigen informieren,
weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß sie oft viel zu spät
professionelle Hilfe suchen oder sich Selbsthilfegruppen anschließen.
Betroffen sind häufiger Frauen, man rechnet mit über 4 Millionen
Betroffenen in Deutschland.
In den letzten 20 Jahren sind Essstörungen so etwas wie moderne
Krankheiten geworden. Wurden sie früher eher selten in psychosomatischen
Kliniken behandelt, so reichen jetzt die Behandlungsplätze nicht aus.
Ich frage nach biologischen, kulturellen und individuellen Ursachen, warum
immer weniger Menschen unbefangen essen und den Hunger bzw.
Sättigungssignalen ihres Körpers vertrauen können.
Dabei stellt sich die Frage, welchen Einfluß die gegenwärtigen
Lebensbedingungen auf die Entstehung dieser Störungen haben.
Ich versuche, diese Frage auf dem Hintergrund eines ökologischen
Gesundheits- Krankheitsverständnisses zu beantworten.
Danach ist ein Individuum so lange gesund, wie seine biologischen und
psychischen Systeme sich in einem harmonischen Gleichgewichtszustand befinden.
Jedes Individuum verfügt über psychische und körperliche
Reserven, die ihm erlauben, ein zeitweilig gestörtes Gleichgewicht wieder
herzustellen.
Erst wenn dies nicht gelingt, wenn seine psychischen und körperlichen
Anpassungsmöglichkeiten nicht ausreichen, entsteht ein Ungleichgewicht,
welches wir als Krankheit bezeichnen.
Krankwerden und Krankbleiben
sind, wie Gesundwerden und Gesundbleiben nach diesem
Verständnis ein Prozess, an dem der Erkrankte entscheidend beteiligt
ist. Jede Krankheit bedoht das Selbstwerterleben und verändert unsere
Handlungsmöglichkeiten und unsere Lebensqualität.
Nur wenn im Gespräch zwischen Arzt und Patient nach allen auslösenden
Bedingungen gesucht und der Blick nicht nur auf organische Ursachen
eingeschränkt wird, können die stressbedingten Krankheiten
ursächlich geheilt werden.
Das setzt voraus, daß aus einer stummen, auf diagnostische
Apparate konzentrierten Medizin wieder eine sprechende Medizin wird.
Heilung kann man nicht nur von Medikamenten erwarten, sie kann auch im
Nachdenken über soziale und psychische Ursachen bestehen, woraus folgen
könnte, Lebensziele und Lebensweisen zu überprüfen.
Ich bin den vielen Patienten dankbar, die mir dieses Krankheits- und
Gesundheitsverständnis vermittelt haben. Einige wirkten durch ihre
Tagebuchaufzeichnungen an der Gestaltung dieses Buches mit.
Ich will versuchen, häufig vorkommende Konflikte, Persönlichkeits-
und Verhaltenseigenschaften sowie typische Familienkonstellationen zu
beschreiben, die zu süchtigem Essen oder der Verweigerung beitragen
können und möchte gleichzeitig betonen, daß jede Entwicklung
individuell erfolgt und es die „typische Suchtpatient(in)”
nicht gibt.
Ich wünsche mir, daß Betroffenen und Familienangehörigen durch
dieses Buch einige Zusammenhänge deutlicher werden, insbesondere welche
Funktion die Sucht für das Leben des Betroffenen und für den
Familienzusammenhalt erfüllt.
Eine wichtige Funktion ist nämlich, daß durch die Sorge um die
Erkrankte, durch das dauernde Reden und Nachdenken über Essen oder
Nichtessen die wirklichen Hintergründe der Lebensproblematik verschleiert
werden.
Ehle, Gisela:
Ich finde nicht mein Maß
Sport und Gesundheit Verlag GmbH,
Berlin 1992
118 Seiten, 15 Abbildungen
ISBN 3-333-00669-3
Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Mitglied der Ärztekammer Brandenburg
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