Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Ich finde nicht mein Maß

Magersüchtig, esssüchtig, essbrechsüchtig?
Seelische, körperliche und soziale Ursachen
Behandlungsmöglichkeiten
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Emotionaler Hunger macht krank - ungestillte Bedürfnisse nach Anerkennung und Zärtlichkeit und Zuwendung von Menschen, die uns wichtig sind, machen hungrig. Im täglichen Leben sprechen wir in diesem Zusammenhang weniger von Hunger als von Sehn-sucht. Das Wort Sehnsucht jedoch enthält das Wort „Sucht”. Daß man süchtig werden kann, wenn die Sehnsucht überhand nimmt, wissen wir aus Liedern und Geschichten von Prinzen und Prinzessinnen, die unglücklich liebten. Wir beachten aber viel zu wenig unsere Erfahrung, daß ungestillte Sehnsucht uns nach Ersatz greifen läßt ... seien es Alkohol oder Drogen, bzw. Medikamente, sei es der Drang, sich mit Arbeit zu betäuben oder zum Spielautomaten zu gehen oder auch der Drang, sich etwas Gutes zu tun und zu essen.

Kann Essen zur Droge werden?
Ist Magersucht das Gegenteil von Esssucht?

Ich versuche in diesem Buch aus meinen Erfahrungen im Umgang mit esssüchtigen und magersüchtigen Menschen Hintergründe und therapeutische Möglichkeiten für süchtige Essstörungen zu benennen. Ich möchte Betroffene und ihre Angehörigen informieren, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß sie oft viel zu spät professionelle Hilfe suchen oder sich Selbsthilfegruppen anschließen. Betroffen sind häufiger Frauen, man rechnet mit über 4 Millionen Betroffenen in Deutschland. In den letzten 20 Jahren sind Essstörungen so etwas wie moderne Krankheiten geworden. Wurden sie früher eher selten in psychosomatischen Kliniken behandelt, so reichen jetzt die Behandlungsplätze nicht aus.

Ich frage nach biologischen, kulturellen und individuellen Ursachen, warum immer weniger Menschen unbefangen essen und den Hunger bzw. Sättigungssignalen ihres Körpers vertrauen können. Dabei stellt sich die Frage, welchen Einfluß die gegenwärtigen Lebensbedingungen auf die Entstehung dieser Störungen haben.

Ich versuche, diese Frage auf dem Hintergrund eines ökologischen Gesundheits- Krankheitsverständnisses zu beantworten. Danach ist ein Individuum so lange gesund, wie seine biologischen und psychischen Systeme sich in einem harmonischen Gleichgewichtszustand befinden. Jedes Individuum verfügt über psychische und körperliche Reserven, die ihm erlauben, ein zeitweilig gestörtes Gleichgewicht wieder herzustellen. Erst wenn dies nicht gelingt, wenn seine psychischen und körperlichen Anpassungsmöglichkeiten nicht ausreichen, entsteht ein Ungleichgewicht, welches wir als Krankheit bezeichnen.

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Krankwerden und Krankbleiben sind, wie Gesundwerden und Gesundbleiben nach diesem Verständnis ein Prozess, an dem der Erkrankte entscheidend beteiligt ist. Jede Krankheit bedoht das Selbstwerterleben und verändert unsere Handlungsmöglichkeiten und unsere Lebensqualität. Nur wenn im Gespräch zwischen Arzt und Patient nach allen auslösenden Bedingungen gesucht und der Blick nicht nur auf organische Ursachen eingeschränkt wird, können die stressbedingten Krankheiten ursächlich geheilt werden. Das setzt voraus, daß aus einer stummen, auf diagnostische Apparate konzentrierten Medizin wieder eine sprechende Medizin wird. Heilung kann man nicht nur von Medikamenten erwarten, sie kann auch im Nachdenken über soziale und psychische Ursachen bestehen, woraus folgen könnte, Lebensziele und Lebensweisen zu überprüfen.

Ich bin den vielen Patienten dankbar, die mir dieses Krankheits- und Gesundheitsverständnis vermittelt haben. Einige wirkten durch ihre Tagebuchaufzeichnungen an der Gestaltung dieses Buches mit. Ich will versuchen, häufig vorkommende Konflikte, Persönlichkeits- und Verhaltenseigenschaften sowie typische Familienkonstellationen zu beschreiben, die zu süchtigem Essen oder der Verweigerung beitragen können und möchte gleichzeitig betonen, daß jede Entwicklung individuell erfolgt und es die „typische Suchtpatient(in)” nicht gibt.

Ich wünsche mir, daß Betroffenen und Familienangehörigen durch dieses Buch einige Zusammenhänge deutlicher werden, insbesondere welche Funktion die Sucht für das Leben des Betroffenen und für den Familienzusammenhalt erfüllt. Eine wichtige Funktion ist nämlich, daß durch die Sorge um die Erkrankte, durch das dauernde Reden und Nachdenken über Essen oder Nichtessen die wirklichen Hintergründe der Lebensproblematik verschleiert werden.

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Ehle, Gisela:
Ich finde nicht mein Maß
Sport und Gesundheit Verlag GmbH,
Berlin 1992
118 Seiten, 15 Abbildungen

ISBN 3-333-00669-3
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Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Mitglied der Ärztekammer Brandenburg