Familien- und Paartherapie
Als eigenständige Therapieform hat sich Familientherapie seit über
20 Jahren entwickelt und von Erfahrungen der verschiedensten
therapeutischen Schulen profitiert.
Carol Gammer's Modell ist integrativ,
schwerpunktmäßig fußt es auf der Systemtheorie und
psychoanalytischem Gedankengut.
Familientherapeuten unterstützen die Familienmitglieder, die nicht
(immer) ausgesprochenen, aber streng gültigen Normen und Regeln,
nach denen alle auf der Familien-„Bühne“ miteinander spielen,
zu durchschauen und die eigene „Rolle“ sich bewusst zu machen.
Auch Verhaltensveränderung wie die bedrohliche Nahrungsverweigerung
der 15-jährigen Tochter, kann gewissermaßen ein Lösungsversuch
zur Einhaltung dieser Regeln sein, aber auch ein Appell,
sie zu verändern.
Kommunikationsstrukturen in einer Familie werden durch erlernte
Verhaltensweisen und unbewussten Erwartungen aller Mitglieder,
aber auch durch die Normen der Gesellschaft, geprägt.
Eine Familie macht Entwicklungsphasen durch (Kinder verlassen
die Familie, Geburt eines neuen Kindes, Todesfall) oder sie
kann durch äußere Herausforderung (Arbeitslosigkeit, Immigration,
Erbe) oft an die Grenze ihrer Anpassungsfähigkeit geführt werden.
Man kann davon ausgehen, dass nicht nur Einzelpersonen,
sondern auch die Familie krank werden kann.
Verständnis dafür, wie diese Familienregeln sich herausbildeten
und aufrecht erhalten werden, erleichtert eine Mehr-Generationen-Perspektive.
Sind störende und entwicklungshemmende Muster deutlich geworden,
erhalten die Familienmitglieder Unterstützung (direkte Aufträge an Einzelne
oder an das System oder Subsystem), neue Verhaltensweisen und
Regeln zu erproben.
Für den Therapeuten ist es eine schwierige Balance, seine
Aufmerksamkeit sowohl auf die Kommunikation in der Familie
zu richten, als auch Entwicklung einzelner Familienmitglieder
zu fördern.
Auch wenn sich befriedigendere Beziehungen untereinander etablieren,
kann trotzdem die Gesundung der magersüchtigen Tochter zu einer
depressiven Reaktion bei einem anderen führen.
Nicht selten wird der bisher verleugnete Paarkonflikt dann deutlich, das
heißt, die Familie benötigte unbewusst die Erkrankung der Tochter, um
professionelle Hilfe für den Umgang mit verdrängten Konflikten zu bekommen.
Eine
Familiensitzung dauert 90 Minuten und findet in der
Regel alle 2 bis 3 Wochen statt.
In der ersten Sitzung geht es darum, gemeinsam die Entscheidung
über die Ziele zu treffen, die bearbeitet werden sollen.
Zum Beispiel wird nicht gleich die Paarperspektive in den Blickpunkt
genommen, auch wenn sich herausstellt, dass zwischen den Eltern starke
Kommunikationsprobleme bestehen, wenn das Kind an Magersucht erkrankt ist.
Es wird stufenweise vorgegangen, zuerst der Umgang mit dem erkrankten
Kind besprochen und unterstützt und daran gearbeitet, dass die Familie
selbst erkennt, dass ohne Lösung des Paarkonfliktes keine dauerhafte
Stabilität in der Familie eintreten wird.
Familientherapie ist ressourcenorientiert, das heißt, sie hilft,
Kräfte und Fähigkeiten wieder verfügbar zu machen und neue
Sichtweisen zu entwickeln.
Die Familie erhält auch konkrete Informationen und Beratung über
(phasen)typische Anforderungen, welche Aufgaben und Veränderungen
es bedeutet, wenn z. B. (Stief)kinder geboren werden, in die
Pubertät kommen, Scheidungsabsichten bestehen
Familientherapie kennt verschiedene Methoden, z. B. Familienaufstellung,
Skulpturarbeit, Genogramm und bemüht sich um eine Mehr-Generationen-Perspektive.
Unterschieden wird, ob es darum geht, bei einem umschriebenen
Lebenskonflikt mit einer krisenhaften Zuspitzung, die Bedingungen
zu analysieren, die einer Entscheidung vorausgehen müssten
oder ob es darum geht, eine längerfristige Therapie zu machen.
Nach einigen Sitzungen wird klarer werden, ob im Brennpunkt nicht
bewusst genannte, aber die Familie schwer beeinträchtigenden „Lasten“
und „Geheimnisse“ stehen, die eventuell aus den vorangegangenen
Generationen weitergegeben wurden (Gewalt, sexueller Missbrauch,
Kriegserfahrungen).
Dann wird die Bearbeitung des lebensgeschichtlichen Zusammenhangs
und seiner aktuellen Auswirkungen auf die Familie und die Einzelnen
einen längeren Zeitraum brauchen.
Wenn die unmittelbaren Symptome gebessert oder beseitigt sind, wird neu
entschieden zwischen Therapeut und Familie, ob den aufgedeckten
tieferliegenden Störungen durch Weiterführung von Therapie Rechnung
getragen wird.
Dies ist der Zeitpunkt, zu dem häufig Subsysteme, z. B. die Eltern
oder die Geschwister, getrennt weiterarbeiten.
Man könnte sich vorstellen, dass nach einer gewissen solchen Arbeitszeit
die Familie als ganzes System noch eine(nige) Sitzung hat.
Familientherapie empfiehlt sich besonders, wenn Kinder oder Jugendliche
Verhaltensstörungen, Süchte oder psychische, bzw. körperliche Erkrankungen
bekommen, weil dies die Familienkommunikation radikal herausfordert.
Paartherapie unterstützt nicht nur Paare, welche verlernt haben,
miteinander zu sprechen und zuzuhören, sondern macht auch Sinn,
wenn sie ihre unbewussten „Rollen“ besser durchschauen und eigene
Bedürfnisse und die des Partners liebevoll annehmen möchten.
Diese Therapien sind keine Kassenleistung,
das Honorar muss verhandelt werden.
Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Mitglied der Ärztekammer Brandenburg
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