Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Familien- und Paartherapie

Als eigenständige Therapieform hat sich Familientherapie seit über 20 Jahren entwickelt und von Erfahrungen der verschiedensten therapeutischen Schulen profitiert. Carol Gammer's Modell ist integrativ, schwerpunktmäßig fußt es auf der Systemtheorie und psychoanalytischem Gedankengut.

Familientherapeuten unterstützen die Familienmitglieder, die nicht (immer) ausgesprochenen, aber streng gültigen Normen und Regeln, nach denen alle auf der Familien-„Bühne“ miteinander spielen, zu durchschauen und die eigene „Rolle“ sich bewusst zu machen.

Auch Verhaltensveränderung wie die bedrohliche Nahrungsverweigerung der 15-jährigen Tochter, kann gewissermaßen ein Lösungsversuch zur Einhaltung dieser Regeln sein, aber auch ein Appell, sie zu verändern. Kommunikationsstrukturen in einer Familie werden durch erlernte Verhaltensweisen und unbewussten Erwartungen aller Mitglieder, aber auch durch die Normen der Gesellschaft, geprägt.

Eine Familie macht Entwicklungsphasen durch (Kinder verlassen die Familie, Geburt eines neuen Kindes, Todesfall) oder sie kann durch äußere Herausforderung (Arbeitslosigkeit, Immigration, Erbe) oft an die Grenze ihrer Anpassungsfähigkeit geführt werden. Man kann davon ausgehen, dass nicht nur Einzelpersonen, sondern auch die Familie krank werden kann.

Verständnis dafür, wie diese Familienregeln sich herausbildeten und aufrecht erhalten werden, erleichtert eine Mehr-Generationen-Perspektive. Sind störende und entwicklungshemmende Muster deutlich geworden, erhalten die Familienmitglieder Unterstützung (direkte Aufträge an Einzelne oder an das System oder Subsystem), neue Verhaltensweisen und Regeln zu erproben.

Für den Therapeuten ist es eine schwierige Balance, seine Aufmerksamkeit sowohl auf die Kommunikation in der Familie zu richten, als auch Entwicklung einzelner Familienmitglieder zu fördern. Auch wenn sich befriedigendere Beziehungen untereinander etablieren, kann trotzdem die Gesundung der magersüchtigen Tochter zu einer depressiven Reaktion bei einem anderen führen. Nicht selten wird der bisher verleugnete Paarkonflikt dann deutlich, das heißt, die Familie benötigte unbewusst die Erkrankung der Tochter, um professionelle Hilfe für den Umgang mit verdrängten Konflikten zu bekommen.

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Eine Familiensitzung dauert 90 Minuten und findet in der Regel alle 2 bis 3 Wochen statt. In der ersten Sitzung geht es darum, gemeinsam die Entscheidung über die Ziele zu treffen, die bearbeitet werden sollen. Zum Beispiel wird nicht gleich die Paarperspektive in den Blickpunkt genommen, auch wenn sich herausstellt, dass zwischen den Eltern starke Kommunikationsprobleme bestehen, wenn das Kind an Magersucht erkrankt ist. Es wird stufenweise vorgegangen, zuerst der Umgang mit dem erkrankten Kind besprochen und unterstützt und daran gearbeitet, dass die Familie selbst erkennt, dass ohne Lösung des Paarkonfliktes keine dauerhafte Stabilität in der Familie eintreten wird.

Familientherapie ist ressourcenorientiert, das heißt, sie hilft, Kräfte und Fähigkeiten wieder verfügbar zu machen und neue Sichtweisen zu entwickeln. Die Familie erhält auch konkrete Informationen und Beratung über (phasen)typische Anforderungen, welche Aufgaben und Veränderungen es bedeutet, wenn z. B. (Stief)kinder geboren werden, in die Pubertät kommen, Scheidungsabsichten bestehen

Familientherapie kennt verschiedene Methoden, z. B. Familienaufstellung, Skulpturarbeit, Genogramm und bemüht sich um eine Mehr-Generationen-Perspektive. Unterschieden wird, ob es darum geht, bei einem umschriebenen Lebenskonflikt mit einer krisenhaften Zuspitzung, die Bedingungen zu analysieren, die einer Entscheidung vorausgehen müssten oder ob es darum geht, eine längerfristige Therapie zu machen. Nach einigen Sitzungen wird klarer werden, ob im Brennpunkt nicht bewusst genannte, aber die Familie schwer beeinträchtigenden „Lasten“ und „Geheimnisse“ stehen, die eventuell aus den vorangegangenen Generationen weitergegeben wurden (Gewalt, sexueller Missbrauch, Kriegserfahrungen). Dann wird die Bearbeitung des lebensgeschichtlichen Zusammenhangs und seiner aktuellen Auswirkungen auf die Familie und die Einzelnen einen längeren Zeitraum brauchen.

Wenn die unmittelbaren Symptome gebessert oder beseitigt sind, wird neu entschieden zwischen Therapeut und Familie, ob den aufgedeckten tieferliegenden Störungen durch Weiterführung von Therapie Rechnung getragen wird. Dies ist der Zeitpunkt, zu dem häufig Subsysteme, z. B. die Eltern oder die Geschwister, getrennt weiterarbeiten. Man könnte sich vorstellen, dass nach einer gewissen solchen Arbeitszeit die Familie als ganzes System noch eine(nige) Sitzung hat.

Familientherapie empfiehlt sich besonders, wenn Kinder oder Jugendliche Verhaltensstörungen, Süchte oder psychische, bzw. körperliche Erkrankungen bekommen, weil dies die Familienkommunikation radikal herausfordert.

Paartherapie unterstützt nicht nur Paare, welche verlernt haben, miteinander zu sprechen und zuzuhören, sondern macht auch Sinn, wenn sie ihre unbewussten „Rollen“ besser durchschauen und eigene Bedürfnisse und die des Partners liebevoll annehmen möchten.

Diese Therapien sind keine Kassenleistung, das Honorar muss verhandelt werden.

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Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Mitglied der Ärztekammer Brandenburg