Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Was ist Psychotherapie?

Psychotherapie als Kassenleistung wird durch Richtlinien bestimmt, die vom Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen verabschiedet worden sind. Darin wird umrissen, was als krankheitswertig gilt und damit auch durch die Kasse bezahlt wird:

„Eine krankhafte Störung der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Erlebnisverarbeitung, der sozialen Beziehungen und der Körperfunktionen” wird als seelische Krankheit bezeichnet. - „Es gehört zum Wesen dieser Störungen, dass sie der willentlichen Steuerung durch den Patienten nicht mehr oder nur zum Teil zugänglich sind.”

Ein Paarkonflikt ist eine Lebenskrise, aber keine Krankheit, und therapeutische Intervention wird demzufolge nicht von Krankenkassen bezahlt.

Viele können ihre psychischen Probleme allein, durch Aussprachen mit Freunden und Familienmitgliedern oder in Selbsthilfegruppen lösen. Erst wenn sich jemand im Kreis dreht, die wirklichen Ursachen nicht sehen kann oder sehen möchte, kommt die Frage auf, ob eine Psychotherapie sinnvoll wäre.

Auch wenn für körperliche Symptome und Störungen keine organische Ursache nachzuweisen ist, empfehlen Ärzte häufig eine Psychotherapie.

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Soll ich Psychotherapie machen?

Nehmen wir an, Frau Schmidt-Engel versucht, in der Arbeit perfekt zu sein und sich aufopferungsvoll um Mann und zwei Kinder zu kümmern. Sie hat wenig Freizeit, fühlt sich häufig erschöpft. Ihr ist aufgefallen, dass sie gerade dann, wenn sie sich allein, müde und enttäuscht fühlt, viel essen muss, sie kann dann bis zu zwei Tafeln Schokolade verspeisen und erbricht danach. Sie weiß selbst, dass dies nicht normal ist. In Zeitschriften hat sie gefunden, dass sie wahrscheinlich eine Essstörung hat. Sie sagt sich, „du musst einfach damit aufhören, du musst dich beherrschen.”

Jeder, der einmal in einer ähnlichen Situation war, weiß, dass dies wenig helfen wird!

Sie wird sich wahrscheinlich ihrer Schwäche schämen und dadurch noch häufiger in Essanfälle geraten.

Erst wenn sie Zusammenhänge zwischen Überforderung, Enttäuschung und „Schlucken” von Frust erkennt, wenn es innerlich „klick” macht und sie begreift, dass ihre Reaktion mit der Art zu tun hat, wie sie mit sich umgeht und ihr Leben gestaltet, hat sie eine Chance auf Veränderung. Zwischen Erkennen und Ändern liegt aber ein langer Weg.

Psychotherapie kann sie auf diesem Weg unterstützen. Die Gespräche helfen ihr, zu verstehen und leibhaftig zu fühlen, dass ungezügeltes Essen auch Ausdruck verdrängter Konflikte sein kann. Psychotherapie ist Hilfe zur Selbsthilfe: Die Psychotherapeutin bemüht sich, mit Ihnen zusammen Gründe zu erforschen, die dafür verantwortlich sein können, dass Sie sich bestimmten Problemen gegenüber hilflos fühlen. Unbewusst gewordene Erfahrungen und Ängste sowie seit der Kindheit erlernte Muster können ihr Verhalten und Empfinden beeinflussen - als ein Schutzmechanismus vor erneuten Verletzungen und Enttäuschungen.

Es könnte um die Frage gehen, warum Frau Schmidt-Engel sich Handlungen oder Äußerungen anderer so sehr zu Herzen nimmt, oft als eigenes Versagen interpretiert. Möglicherweise werden bisher unverarbeitet gebliebene Verletzungen wiedererlebt. Schon in ihrer Familie fürchtete sie, die Schwester sei beliebter und erfolgreicher. Deshalb versuchte sie alles sehr exakt zu machen, um auch einmal gelobt zu werden. Während die Schwester sich hübsch fühlte, erlebte sie sich als linkisch und wenig liebenswert. Das könnte eine Wurzel ihrer Minderwertigkeitsgefühle und Selbstwertzweifel sein.

Wenn ihr dieser Zusammenhang in der Therapie auch schmerzlich bewusst wird, erhält sie aber gerade dadurch eine Chance, sich weniger von der Anerkennung anderer abhängig zu machen, wie sie es bisher durch über ihre Kräfte gehenden Leistungsanspruch versucht hatte.

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Psychotherapie ist für mich, wie das Gehen über eine schmale Brücke, über einen Fluss, der Hochwasser führt.

Die Therapeutin ist das Brückengeländer, nicht mehr und auch nicht weniger! Sie begleitet, unterstützt, schützt, aber die Patientin muss entscheiden, ob sie sich auf diese Brücke wagen will, ob sie überhaupt auf das andere Ufer möchte, von dem sie nicht genau weiß, was sie erwartet - ob sie die Notwendigkeit sieht, in ihrem Verhalten und Reagieren auf Anforderungen des realen Lebens etwas zu ändern. Die Therapeutin wird helfen, zu spüren, zu erinnern, zu durchleiden, um zu verstehen, was, wie, woher und warum diese Gleichzeitigkeit von Blockierungen (des Gefühls, des Körpers, der Organfunktionen) und gestörter Beziehung kommen.

Es gibt vielfältige Therapieformen, welche von Psychologen oder Ärzten mit geprüfter Berufsqualifikation nach mehrjähriger Ausbildung und Selbsterfahrung in der von ihnen angebotenen Therapie ausgeübt werden.

Die Kassen zahlen nur Verhaltenstherapie und analytische bzw. tiefenpsychologische Therapie sowie Hypnoseverfahren.

Oft haben Therapeuten aber über diese von den Kassen anerkannten Verfahren hinaus Zusatzausbildungen (Familientherapie, Gestalttherapie, Traumatherapie, Körpertherapien, u.a.), welche die Therapiemöglichkeiten erweitern, jedoch keine Kassenleistungen darstellen.

Psychotherapie ist eine langwierige innere Arbeit, die 1 - 2 Jahre, mitunter auch länger, dauern kann. In Vorgesprächen prüfen PatientIn und TherapeutIn, aus welcher Motivation Therapie angestrebt wird, welches Verfahren erfolgversprechend ist.

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Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Mitglied der Ärztekammer Brandenburg