Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
Abgrenzung |
Ablauf |
Effizienz |
Gruppentherapie |
Indikationen
Diese Therapieform orientiert sich an der Persönlichkeits-
und Krankheitstheorie der klassischen Psychoanalyse von
Sigmund Freud und Nachfolgern.
Die Behandlungstechnik geht davon aus, dass Symptome und Konflikte,
welche die Person zur Therapie führen, nicht nur durch gegenwärtige
widrige Umstände und Bedingungen des Lebens verursacht sind,
sondern auf lebensgeschichtlich frühere Erlebnisse zurückgehen.
In der psychoanalytischen Literatur werden sie als unbewusste Konflikte,
unbewusste Phantasien, krankhafte Überzeugungen, traumatische
Erlebnisverarbeitung bezeichnet, welche zu Entwicklungsdefiziten
und Störung des Selbstwerterlebens beim Betroffenen führten.
Demzufolge werden die beklagten psychischen und körperlichen Symptome
oder Verhaltensstörungen immer als Ausdruck der gesamten Person betrachtet.
Im
Unterschied zur langwierigen Psychoanalyse, deren Ziel eine
wirkliche Umstrukturierung der Persönlichkeit ist (in der Regel
400 bis 1000 Behandlungsstunden), steht eine Konzentration des
therapeutischen Prozesses durch Begrenzung des Behandlungszieles an.
Durch vorwiegend konfliktzentriertes Vorgehen und durch Einschränkung
der regressiven Prozesse soll dies gelingen.
Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand werden beachtet.
Anders als beim setting der Psychoanalyse (Couchlage des Patienten,
mehrere Sitzungen pro Woche, Grundregel des freien Einfalls) erfolgt
hier die Therapie im Gegenübersitzen mit 1 bis 2 Terminen in der Woche.
Dadurch tritt an die Stelle des selbstreflexiven Monologs des Patienten
eher ein Dialog.
Die Situation ist insgesamt strukturierter und
weniger abhängigkeitsfördernd.
Der Therapeut ist aktiver am Geschehen beteiligt, indem er „spiegelt”,
nachfragt, kommentiert und deutet, um den zentralen Konflikt
durcharbeiten zu helfen.
Frühe Beziehungserfahrungen werden unbewusst auch auf den Therapeuten
übertragen, wie in der Psychoanalyse.
Da aber visueller Kontakt stattfindet, wird die reale Persönlichkeit
des Therapeuten deutlicher wahrgenommen und er ist weniger eine
phantasierte Übertragungsfigur.
In
den 5 Probestunden soll zwischen Therapeut und Klient eine
Einigung über den zu bearbeitenden Konfliktfokus erreicht
werden und über die Behandlungszeit.
Beantragt werden bei der Kasse dann entsprechend eine Kurzzeittherapie
(25 Stunden, mit Option auf eventuelle Verlängerung)
oder eine Langzeittherapie (50 Stunden, mit Verlängerung
maximal 100 Stunden).
Der
therapeutische Prozess verläuft in Phasen. In der ersten Phase
hört der Therapeut die Berichte des Patienten an, beide gewinnen
so ein Bild von der Lebensgeschichte. Für den Patienten bedeutet
sein Mitteilen und das anteilnehmende Zuhören eine Entlastung.
Durch die Spiegelung und Kommentierung lernt er seine Geschichte
auch aus anderen Perspektiven zu sehen.
Aus der Verflechtung von aktuellen Realbeziehungen, biografischen
Beziehungs- Erfahrungen und seinem Erleben der Beziehung in der
therapeutischen Situation wird allmählich der zentrale Konflikt
sichtbar, der ihm unbewusst ist.
Spontane Einfälle, Schildern seiner Gefühle und Vorstellungsbilder
und Träume dienen als Hinweis auf diese unbewussten Konflikte, deren
Ausdruck sich in den realen Problemen und Beschwerden wiederfindet.
So wächst sein Verständnis für den Zusammenhang von früheren
Lebensereignissen und gegenwärtigen Ängsten, Beschwerden und
scheinbar irrationalen Handlungen.
Abwehrmechanismen in unserer Psyche sorgen dafür, dass schmerzhafte
und unerträgliche Erinnerungen nicht zu rasch und zerstörerisch
in unser Wachbewusstsein treten.
Psychische oder körperliche Beschwerden haben die Funktion, uns
vor diesen heftigen unbewussten Gefühlen, Phantasien und irrationalen
Überzeugungen zu schützen.
Zum Beispiel bekommen Menschen Kopfschmerzen oder Magenschmerzen
in Situationen, in denen sie ihre Wut nicht spüren können.
Ausgeprägte Angstvorstellungen vor einem befürchteten Unfall einer
geliebten Person, könnten die eigene unterschwellige Aggression
ihr gegenüber verleugnen und das eigene Gewissen entlasten.
Im Versuch eines biografisch-dynamischen Verstehens liegt ein
heilender Aspekt.
Der Therapeut könnte fragen: „Woher kennen sie das?”
Es liegt an, in der Lebensgeschichte nachzusehen, ob der Patient
ähnliche äußere Situationen oder innere Erfahrungen
kennen gelernt hat.
Im wesentlichen geht es um frühere Beziehungserfahrungen, die der
Patient aus der „Ich”-„Heute”-Perspektive
betrachtet.
In der Regel bleibt es nicht auf der kognitiven Betrachtungsebene, sondern
die damaligen Gefühle werden, teilweise sehr heftig, wieder belebt.
Er kann die damaligen Gefühle betrauern, noch einmal durchleben
(durchwüten).
Er lernt, das Geschehene zu akzeptieren und sich damit auszusöhnen
und er kann schließlich etwas Neues versuchen.
Da eine intensive Beziehung sich zwischen Patient und Therapeut gebildet
hat, die auch besprochen wird, können neue Beziehungserfahrungen
gemacht werden, etwa, dass trotz Kritik am Therapeuten keine emotionale
Ablehnung erfolgt.
Die entstandene intensive Beziehung muss vorbereitet beendet werden.
Wir sprechen von Ausleitung der Therapie oder Abschiednahme.
In dieser Phase kann beispielhaft noch einmal erlebt werden wie es ist,
mit Begrenzungen umzugehen (von Zeit, Zuwendung des Therapeuten,
Zielvorgaben nicht alle erreicht).
Es geht auch um den Abschied von dem Alten und das Riskieren des bisher
ungelebten Lebens.
Wobei auf Wunschvorstellungen und Illusionen über eigene
Lebensmöglichkeiten verzichtet werden muss.
Damit verbunden ist der Abschied von Therapieunterstützung und der Person
des Therapeuten, Zulassen von Trauer und Enttäuschung, Entidealisierung
des Therapeuten.
Erst
das Selbstverständnis für die eigenen lebensgeschichtlichen Wurzeln
lässt das aktuelle Erleben und Verhalten plötzlich sinnvoll und
zweckmäßig erscheinen, sogar dort, wo bisher Abwehr gegen
frühere Erfahrungen zu einem scheinbar sinnlosen, möglicherweise
sogar selbstschädigenden Verhaltensstil geführt hatte.
Die Effizienz tiefenpsychologischer Psychotherapie ist in der Forschung
relativ gut untersucht, die Ergebnisse sind befriedigend.
Im Vergleich verschiedener Psychotherapieverfahren ist keines wirklich
dem anderen überlegen.
Als besonders hilfreich erwies sich Therapie dann, wenn eine
vertrauensvolle Arbeitsbeziehung zwischen Patient und Therapeut
gelang und der Patient Veränderungen mehr bei sich herbeiführen
möchte, als dass er erwartet, dass sich die Umwelt verändert.
Tiefenpsychologische Therapie kann als Einzel- oder als
Gruppenbehandlung
durchgeführt werden.
In der DDR hatte sich eine Form psychoanalytisch orientierter
Gruppenpsychotherapie entwickelt, deren Konzepte als
Dynamisch Intendierte Gruppenpsychotherapie
formuliert und empirisch überprüft wurden.
Für Freud war Psychologie des Einzelnen immer auch Sozialpsychologie,
deswegen, weil wir in Beziehungen aufwachsen und „der soziale Uterus”
von Anfang an als Familie uns umgab.
Das Einzelwesen ist also außerhalb einer Gruppe, außerhalb von Pluralität,
nicht denkbar.
Eine Gruppensituation gibt dem Einzelnen einen Rahmen, in welchem seine
Lebenskonflikte bewusstem Erkennen und Bearbeiten zugänglich werden können.
Jedes Gruppenmitglied erlebt, wie es im Beziehungsgeflecht der Gruppe
- Kontakte aufnimmt und gestaltet
- welche Schwierigkeiten und Konflikte ihm dabei entstehen
- in welcher Weise es auf das Klima der Gruppe einwirkt
- wie seine Ängste und Widerstände angesprochen und bearbeitet werden
- zu welchem Platz und Rolle in der Gruppe es neigt (Anführer, Außenseiter, Mitläufer)
Der Therapeut, der durch die Vorgespräche die lebensgeschichtlichen
Hintergründe des Einzelnen kennt, kann unterstützen, dass er in der
Spiegelung durch die Gruppe und durch Berichten seiner eigenen
Erfahrungen besser verstehen lernt, in welchen Zusammenhängen
seine Konflikte wurzeln. Wir gehen davon aus, dass sich die frühen
Beziehungskonflikte aus der Ursprungsfamilie in der Gruppensituation
wiederholen werden und dadurch einsichtig und bearbeitbar wären.
Einen
Vorteil gegenüber der Einzeltherapie sehe ich darin, dass der
Zusammenschluss von gleich oder ähnlich Betroffenen die Bereitschaft
fördern kann, sich zu verändern. Wenn ein vertrauensvolles Klima
in der Gruppe besteht, können neue Verhaltensweisen ausprobiert,
nahe Gefühle zugelassen werden.
Erfahrungen anderer sind beste Lernmöglichkeit.
Besonders Menschen, welche Ängste haben sich abzugrenzen oder
eigene Bedürfnisse zu verwirklichen und einzufordern, können
von Gruppentherapie profitieren.
Unter - Mehreren sein - heißt auch, nicht souverän, vielmehr durch
Abhängigkeiten bestimmt zu sein.
Die Gruppe fördert so eine Konfrontation mit Souveränität, Ängsten
vor eigenen Ansprüchen oder phantasierter Allmacht mit der
Realität der Anderen, ohne die der Einzelne nicht existieren könnte.
Wenn in der Gruppe etwas mitgeteilt wird, was noch nie sich
eingestanden werden konnte aus Schamgefühl, dann wird es zwar
öffentlich, aber damit auch realer und beeinflussbar.
Durcharbeiten bedeutet Einschleusen des Privaten in den Raum der
Gruppe, das heißt der sozialen Realität,
- bedeutet Umsetzung von bislang innerlich Gebliebenem in verbindlich
soziales Handeln
- ermöglicht neue Erfahrungen und unterstützt Veränderungen
des Verhaltens.
- Depressive Störungen ohne psychotische Dekompensation
- Psychosomatische Erkrankungen im weitesten Sinn
- Anpassungsstörungen nach psychosozialen Belastungen
(Gewalt, Unfall, mobbing, Trauer)
- Persönlichkeitsstörungen
- Angst- und Zwangsstörungen
- Essstörungen (Anorexie, Esssucht, Bulimie)
- Somatisierungs- und chronische Erschöpfungssyndrome
- Posttraumatische Belastungsstörungen, z. B. als Folge sexueller
oder schwerer körperlicher Misshandlungen
- Psychische Abhängigkeit nach Entzugsbehandlung
- Krankheitsbewältigung nach körperlichen oder psychischen Erkrankungen
Prof. Dr. sc. med. Gisela Ehle
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Mitglied der Ärztekammer Brandenburg
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